Warum das beste Haus bereits existiert.

Das graue Lager in unseren Städten

Aktuell sprechen wir viel von grauer Energie: Gemeint ist die Energie, die bereits in einem Gebäude steckt — in der Herstellung von Ziegeln, Beton, Stahl, Glas. Energie, die aufgewendet wurde, bevor der erste Mensch je einen Fuß in das Haus gesetzt hat.

Wenn wir ein Gründerzeithaus abreißen, vernichten wir dieses Lager. Unwiederbringlich. Der Neubau, der an seiner Stelle entsteht, muss diese Menge an grauer Energie erst wieder aufbauen — und das dauert Jahrzehnte, selbst wenn er noch so energieeffizient betrieben wird.

Studien zeigen: Ein konsequent saniertes Altbaugebäude hat über seinen gesamten Lebenszyklus oft eine bessere CO₂-Bilanz als ein Neubau nach aktuellem Standard. Das ist kein Geheimnis — aber es wird in der öffentlichen Debatte noch immer zu wenig laut gesagt.

Was wir verlieren, wenn wir abreißen

Ich arbeite seit Jahren hauptsächlich mit Bestandsgebäuden. Gründerzeithäuser in Wien, Arbeiterwohnhäuser aus den 1920ern, Nachkriegsbauten, die niemand auf den ersten Blick schön findet. Und doch: Jedes dieser Gebäude trägt etwas in sich, das kein Architekt neu erfinden kann.

Sanierung als Haltung

Ich glaube, dass Sanierung mehr ist als eine bautechnische Entscheidung. Sie ist eine Haltung gegenüber dem, was bereits da ist. Eine Anerkennung, dass nicht alles Neue besser ist — und nicht alles Alte schlechter.

Als Architektin empfinde ich es als meine Aufgabe, das Beste aus einem Bestandsgebäude herauszuholen. Das ist oft schwieriger als neu zu bauen. Es erfordert mehr Fingerspitzengefühl, mehr Kreativität, mehr Geduld. Aber es ist auch ehrlichere Arbeit. Weil man mit etwas arbeitet, das schon lebt.

Wien ist eine der wenigen europäischen Großstädte, die noch über einen weitgehend intakten Gründerzeitbestand verfügen. Das ist kein Selbstläufer — es ist das Ergebnis jahrzehntelanger Entscheidungen, die Substanz zu erhalten statt zu ersetzen. Wir sollten sorgsam mit diesem Erbe umgehen.